Im Bundesstaat Karnataka (Teil 2)


3.2. Somnathpur – Srirangapatnam (110 km)

Heute mussten die Koffer nicht rausgestellt werden, denn wir blieben noch eine weitere Nacht in diesem Hotel.

Nach einem ausgezeichneten Frühstück fuhren wir 8.30 Uhr zum „Kesava-Tempel“ in Somnathpur. Sehr interessant war es, das morgendliche Treiben in den Dörfern zu beobachten. Die Fleischer boten frisch geschlachtete Waren an und jeder war mit alltäglichen Dingen beschäftigt.

Kurz nach 9 Uhr erreichten wir das 5.000 Einwohner zählende Dorf Somanthapur, das durch einen der besterhaltendsten Tempel von 1258 bekannt ist. Der Kesava-Tempel zählt zu den künstlerischen Meisterwerken der sogenannten Hoysala-Architektur.

Die Fassaden des Tempels sind mit unzähligen wunderschönen Figuren verziert, die vor über 750 Jahren von genialen Bildhauern in Speckstein geschnitzt wurden.

Hier hätten wir locker noch eine weitere Stunde verbringen können, denn man konnte sich an den vielen Details kaum satt sehen.

Auch im Inneren des Tempels sind die gedrechselten oder sternförmigen Säulen sehenswert.
Zwischen den Säulen ist die Decke sehr aufwendig gestaltet. In den drei Schreinen sind Götterfiguren zu sehen.

Anschließend führte uns die heutige Tour zur Festungsstadt „Srirangapatnam“. Auf der Strecke dahin konnte man wieder wunderbar das Leben der Dorfbevölkerung ansehen. Leider fuhr der Bus oft viel zu schnell, um alles richtig zu erfassen oder mit der Kamera festzuhalten.

Srirangapatnam liegt auf einer 5 km langen Insel im Fluss Kaveri. Sie ist berühmt durch einen im späten 9. Jahrhundert erbauten Hindu-Tempel. Später wurde eine Festung in der Stadt errichten und von 1610 bis 1799 war sie die Hauptstadt von Mysore.
Hier wurde 1799 der Herrscher Tipu Sultan, ein erbitterter Gegner der Briten, von ihnen getötet und der Ort zu großen Teilen zerstört.

Wir fuhren an der Gefallenen-Stätte von Tipu Sultan vorüber und danach zum "Colonel Bailey’s Dungeon" aus dem 18. Jahrhundert, in dem britische Kriegsgefangene festgehalten wurden.
Einer von ihnen war Colonel Bailey, der hier 1782 starb. An den Wänden ragen Steinbefestigungen hervor an welche die
nackten Gefangenen, die bis zu ihrem Hals im Wasser standen gekettet waren.

Danach spazierten wir zum „Sriranganathaswany-Tempel“. Wir durften ihn wie immer barfuß besichtigen aber im Inneren nicht fotografieren.

Weiter führte unser Weg zum „Gumbaz-Mausoleum“ im Zentrum eines angelegten Gartens. Es wurde von Tipu Sultan gebaut, um die Gräber seiner Eltern unterzubringen. Die Briten ließen es zu, dass Tippu hier nach seinem Tod in der Belagerung von Srirangapatna im Jahre 1799 bestattet wurde.

Im Anschluss fuhren wir zum Sommerpalast des Herrschers, welcher 1784 erbaut wurde. Der Palast wurde größtenteils aus Teakholz errichtet. Er ist mit großen grünen Netzen verkleidet, um ihn vor dem Sonnenlicht zu schützen. Anfangs dachten wir, dass er eingerüstet wäre.

Die Innenwände sind mit Fresken bemalt, die meist Kampfszenen darstellen.

Auf der Rückfahrt zum Hotel erinnerten wir unseren Reiseleiter an die bis jetzt ausgebliebene Bananenration. Er meinte, er hätte heute noch keinen Stand gesehen, was natürlich nicht stimmte. Nach wenigen Minuten hielt der Bus und wir bekamen unsere Ration.

Und als Abschluss der Tour folgte der als Amba Vilas bekannte „Mysore-Palast“. Er war die Residenz der Maharajas des ehemaligen Fürstenstaates Mysore. Er liegt im Zentrum von Mysore. Das Gebäude wurde zwischen 1897 und 1912 errichtet, nachdem der alte Palast abgebrannt war.
Der Palast wird jährlich von mehr als 6 Millionen Menschen besucht.
Er hat uns sowohl von außen als von innen sehr beeindruckt.

Unser Reiseleiter machte uns für den gestrigen ausgefallenen Besuch der Galerie einen Ersatzvorschlag:
Heute war Sonntag und jeden Sonntag wird ab 19 Uhr der Mysore-Palast von unzähligen Lampen beleuchtet.

Wir waren natürlich sofort einverstanden und so fuhren wir nach einem Zwischenaufenthalt von 2,5 Stunden im Hotel gegen 18.45 Uhr wieder zum Palast. Und wir wurden nicht endtäuscht!
Anfangs war alles nur angestrahlt, aber pünktlich um 19 Uhr wurden der Palast, alle Nebengebäude und Tore für 45 Minuten von über 96.000 Glühlampen erleuchtet, die außen an den Fassaden angebracht waren. Ein unvergesslicher Anblick!!!

Ein anschließender Blick in die offene Tür der modernen Energiezentrale zeigte den Aufwand und das Ausmaß der Leistung, die notwendig ist, um den Lichterzauber zu erzeugen.
96.000 Glühlampen á 25 Watt sind immerhin 2,4 Megawatt. Und das nur mit normalen Fassungen ohne Feuchteschutz!

Nach dem wieder vorzüglichen Abendessen um 20 Uhr gingen wir gleich in unser Zimmer und schliefen mit wundervollen Bildern im Kopf gegen 21.30 Uhr ein. Wir hatten an diesem Tag wirklich viel gesehen und erlebt.

4.2. Mysore – Hassan (120 km)

Die Weitereise führte uns heute ab 9 Uhr nach Hassan.
Unser Reiseleiter schlug vor, am Indragiri-Hügel im Ort Shravanabelagola anzuhalten. Dort befindet sich eines der wichtigsten Pilgerzentren des Jainismus in Indien. Die Mehrzahl der Gruppe wollte dieses Heiligtum sehen und so änderten wir die Reiseroute leicht ab.
Der Weg führte wieder durch viele kleine Dörfer und so machte es Spaß, aus dem Busfenster zu schauen.

Das Heiligtum auf dem 960 m hohen Hügel Vindyagiri stellt den asketisch meditierenden Jain-Heiligen Gomatheshwara dar, welcher aus einem Monolithen hergestellt wurde und nur zu Fuß über 614 Stufen erreichbar ist.
Die 17 Meter hohe Statue war leider eingerüstet, da sie für ein bevorstehendes Fest gereinigt werden sollte.

Nach Digambara-Sitte ist sie völlig unbekleidet. Sein Blick ist in die Ferne gerichtet und um seine Füße haben Ameisen einen Hügel gebaut. Um seine Beine und Arme sind Ranken als Zeichen einer völligen Versunkenheit in die Meditation gewachsen.

Es bot sich jedoch ein herrlicher Blick auf den gegenüber liegenden Chandragiri-Hügel und den Tempelteich.

Jürgen hatte keine Lust, die vielen Stufen hochzukraxeln und schaute sich in der Zwischenzeit im Ort um.

Durch Zufall besuchte er ein Haus, das wie eine heilige Stätte aussah. Es stellte sich als der Eingang zum Jain Mutt-Tempel heraus, dem religiösen Zentrum des Jainismus, von wo aus alle religiösen Aktivitäten organisiert werden.
Die Eingangshalle war mit schönen Stuckarbeiten und Wandbildern geschmückt. Ein leicht bekleideter Gläubiger wurde gerade in den Tempel gelassen. Jürgen zog es dagegen vor zu gehen und die Sachen anzulassen.

Anschließend lief er zum Bhandara Basadi Tempel und stieß auf eine Schulklasse, die gerade Hofpause hatte. Alle Kinder liefen in einer Reihe hintereinander, hatten eine Hand auf dem Rücken und durften nicht reden. Als Kontrolle standen Lehrerinnen und andere Schülerinnen an den Seiten - strenge Sitten!

Im Bhandara Basadi Tempel war Jürgen der einzige Besucher. Zuerst schaute er sich im Hof um und danach im Inneren. Dort erregte er sogleich Aufmerksamkeit bei einem netten älteren Tempeldiener, der ihm hocherfreut alles zeigte.

Bhandara Basadi ist der größte Tempel im Zentrum von Shravanabelagola und wurde 1159 gebaut.

Fotografieren war auch erlaubt und zum Abschluß gab es einen Punkt auf die Stirn. Es war ein tolles Erlebnis!

Mr. Sing hatte derweil ein einheimisches Restaurant gefunden, deren Angebot auch für unsere europäischen Mägen verträglich war und dessen Besitzer er gut kannte. Wir ließen uns eine vegane Platte für 350 Rupien schmecken .

Auf dem Programm stand im Anschluss der Besuch von zwei weiteren Tempeln.
Wir dachten, dass der „Kesava-Tempel“ mit seinen Steinschnitzereien nicht mehr zu toppen sei, wurden aber eines Besseren belehrt.

Gegen 15 Uhr erreichten wir den Hindutempel in Halebidu. Der Ort ist heute ein kleines Dorf, war aber unter dem Namen Dorasamudra vom 12. bis ins 14. Jahrhundert die Hauptstadt des Hoysala-Reiches. An diese Zeit erinnert der Ende des 12. Jahrhunderts erbaute Hoysaleshwara-Tempel, der Shiva gewidmet ist.

Er zeigt eine Unmenge von Skulpturen, filigranen Reliefs sowie detaillierte Friese, aus denen man das Leben und die Kultur des 12. Jahrhundert erahnen kann.

Weiter ging die Fahrt zum nächsten Höhepunkt, dem „Chennakesava-Tempel“ in Bellur. Er ist ebenfalls ein Hindu-Tempel aus dem 12. Jahrhundert und wurde 1117 von König Vishnuvardhana in Auftrag gegeben. Der Tempel über drei Generationen 103 Jahre lang erbaut und ist noch heute ein wichtiger Wallfahrtsort im Vaishnavismus. Diese Glaubensrichtung des Hinduismus, verehrt Vishnu als höchstes Allwesen, dem alle anderen Götter untergeordnet sind.

In zahlreichen Kriegen wurde das Bauwerk beschädigt, doch seine Schönheit hat es dadurch bis heute nicht verloren.

Die drei Specksteintempel mit ihren aufwendigen Steinschnitzereien, die wir gestern und heute gesehen hatten, waren auf jeden Fall Höhepunkte unserer Rundreise.

Nach diesem erlebnisreichen Tag, erreichten wir gegen 18 Uhr das Hotel „The Ashok“ in Hassan. Kurz vorher hatte Mr. Sing im Bus zwei Flaschen Rum (wer wollte mit Cola) und Knabbereien spendiert - sozusagen als „Abschiedsschluck“.

Das Ambiente beim Abendbuffet war ungemütlich, da gleichzeitig eine lautstarke französische Reisegruppe angekommen war. Auch der Durchgang zum zweiten Speiseraum war eine Zumutung. So verzogen wir uns alsbald nach einem kleinen Rundgang durch die Hotelanlage, den Kraftraum und den Pool in unser riesiges Zimmer. Eigentlich waren es zwei Zimmer und zwei Bäder.

5.2. Hassan – Bangalore (200 km)

Die letzte Etappe unserer Rundreise lag vor uns. Heute durften wir bis 7.30 Uhr schlafen, um 8 Uhr die Koffer vor die Zimmertür stellen und es gab das letzte Frühstück. Es war das schlechteste bisher und außer dem Omelett-Stand im Garten war es eher mäßig.
Doch bevor wir um 9 Uhr losfuhren gab es noch ein kleines Highlight. Hunderte Flughunde saßen in Bäumen vor dem Hotel und wurden durch angreifende Weißkopfadler aufgescheucht. Es war ein Spektakel zuzuschauen, wie die Raubvögel versuchten, die Flughunde zu fangen.

Da die Straße recht gut war, (natürlich legten wir eine Toiletten-Pause ein) waren wir bereits um 13.00 Uhr in Bangalore. Der erste Weg durch ganz dicken Verkehr führte zum „Nandi“-Bull-Tempel, einer der ältesten Tempel der Stadt, in dem aber wieder absolutes Fotoverbot galt.

Anschließend fuhren wir zum Botanischen Garten. Er breitet sich über mehrere Hektar aus und ist die grüne Lunge von Bangalore. Der Garten wurde bereits im 18. Jahrhundert von Sultan Tipu angelegt und erst später von den Briten um seltene Pflanzen bereichert. Wir hatten nur eine Stunde Zeit und konnten uns so nur einen kleinen Überblick verschaffen. Wirklich sehenswert waren nur der Monolith und einige Exemplare dicker Bäume.

Gegen 16 Uhr checkten wir im Hotel „37th Cresent“ ein. Hier war Koffer umpacken angesagt, denn für den nächsten Morgen war der Heimflug geplant.

Vor dem Abendessen um 19.30 Uhr schauten wir zwei uns, angelockt durch laute Musik, vor dem Hotel um und wurden Zeuge einer Hochzeitszeremonie. Die Einladung daran teilzunehmen, konnten wir nur mit großem Bedauern ablehnen, da das Essen im Hotel auf uns wartete.

Gleich nach dem Abendessen gingen wir ins Bett, denn der Weckruf am nächsten Tag war für 2.30 Uhr (also mitten in der Nacht) angesagt.
Die Abfahrt erfolgte um 3.00 Uhr. Vom Hotel gab es für jeden ein kleines Frühstückspaket.

Bereits um 4.00 Uhr waren wir auf dem Flughafen. Die Air-India-Maschine startete pünktlich um 6.45 Uhr nach Mumbai und nach einem kurzen Zwischenaufenthalt ging es in die Heimat, wo wir (mit vielen Eindrücken und über 3.000 Fotos) am 6. Februar um 14.30 Uhr sicher in Frankfurt landeten.

Fazit

Die Rundreise hat unsere Erwartungen erfüllt.

Südindien ist nicht mit Nordindien zu vergleichen. Die Landschaft ist grüner, die Menschen sind zugänglicher und nicht so fordernd; es ist zwar nach unseren Maßstäben auch sehr schmutzig, aber bei Weitem nicht so wie im Norden. Die Schere zwischen Armen und Reichen und zwischen dem Leben auf dem Land und in der Großstadt ähneln sich.

Der Reiseleiter hätte etwas freundlicher sein können (besonders zu uns Frauen). Er hat das geplante Programm eingehalten, hat Zusatzangebote gemacht und ist auf Extrawünsche der Reisegruppe eingegangen. Sehr schön war, dass Mr. Sing uns jeden Tag im Bus über ein anderes Thema seines Landes ausführlich informiert hat (z.B. den Hinduismus  und die verschiedenen Strömungen,  über den politischen Aufbau des Landes, die einzelnen Bundesstaaten, das Gesundheits- und Schulwesen, über die Stellung der Frau, die Kasten, die Indische Hochzeit, die wirtschaftliche Entwicklung usw.)

Die Zusammensetzung der Reisegruppe, besonders in der zweiten Woche hat gepasst.

Wir würden jetzt „Namastee“ sagen, aber wir werden kein drittes Mal Indien bereisen.